Fast Die ganze Geschichte über Mattias Stolzenberg 

Mission

Wenn man so wie ich mit den pädagogischen Wegbeschreibungen eines Elternhauses (eines sehr kleinen roten Backstein-Reihenhauses in Hamburg-Langenhorn) nicht so wirklich zurecht kommt, dann schafft man das Gymnasium beim ersten Anlauf nicht, macht erst mal eine Runde durch die Realschule, lernt die wirklich wichtigen Leute kennen (Fruzen, der alles kann, und der Lange, der alles weiß) und stellt dann fest, dass man ruhig ein verschlafener Eigenbrödler sein darf, wenn man nur singen kann. Aber es muss so röhren wie bei Joe Cocker. Eine Schulband musste her, und wie später so oft, half auch hier, dass einer wie Fruzen alles konnte (virtuos auf der Gitarre) und der Lange alles wusste ("Gibt 'n halben Hahn plus 'ne Riesentüte Pommes beim Gockel-König an der Langehorner Chausse  für fünf Mark"). Und das der hässliche Typ am Mikro (also ich) nicht nur verdammt erfolgreich die Frisur von Mireille Mathieu mit der Stimme von Joe Cocker gekreuzt, sondern auch noch ab und zu ein Mädel aus der Tanzschule im Schlepptau hatte, lag sicher nicht an den knie-glänzenden schwarzen Cordhosen (mit Schlag), die mir mein alter Herr bei Policke (Herrenausstatter, berühmt, gibt's immer noch) angeschwatzt hatte.

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für die Erleuchtung gewesen. Aber Fehlanzeige. Kein kühner Gruß: "Ich werd' ein Held", nur eine zugegeben immer furztrockene Kaufmannslehre (gähn...). Dann das Fachabitur nachgeholt (zweimal gähn...) und dann endlich: Der Typ mit dem Pottschnitt und den schwarzen Cordhosen (mit Schlag) fläzt sich in die letzte Reihe eines Vorlesungssaals der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg. Macroökonomie. Sozialökonomie. Schweißgeruch. Zeitinkonsistenztheorie. Fünf Jahre Texte für die Hochschulzeitung. Alles mit Schlaghose und offenem Mund und eigentlich immer zu müde und zu grenzwertig theoretisch wie Habermaas und Co. Und während dessen geht die Reise schon weiter: Erst eine Metallwerkstatt, als Aushilfsschweißer, dann mal als Briefträger (war viel schlimmer, als einen Pottschnitt zu haben), als Barmann, beim Film, Texter im Internet, und schließlich: Fotograf und endlich ohne Pottschnitt und ohne die schwarzen Cordhosen mit Schlag.

Vision

Ich wollte nie Autor werden, hat mir Fruzen (der alles kann) mal gesagt. Aber das stimmt nicht ganz, hat mir der Lange (der alles weiß) mal gesagt. Genau weiß ich aber, dass ich an einem Tag im Mai 1993 mit schweißnassen Achseln, zitternd und mit einem riesigen Manuskript unter'm Arm (ich weiß, wegen den Achseln, jetzt scheint's etwas eklig zu werden, wird's aber nicht, versprochen!) vor dem Hamburger Literaturcafe stand und keinen Schritt weiter konnte. Dann vergingen nochmal 25 Jahre, ohne dass ich über diese Angelegenheit auch nur ein Wort verloren hätte (herrlich doppeldeutig, oder?) und es ist seltsamerweise wieder ein Tag im Mai, als ich vor einem dieser Glaskästen stehe, die irgendwelche Unternehmen gerne und überall auf der Welt in den Himmel bauen. Nur, dass dieser eine Drehtür hatte. Irgendwas war passiert. Wieder konnte ich keinen Schritt weiter, aber diesmal  begann etwas Seltsames. Eine Neugierde flutete mein Innerstes und ich begann, die Menschen zu beobachten. Hineingehen. Herauskommen. Eine Engstelle der Natur, ein Zufall. Wer waren diese Leute? Was machte sie aus, was wussten sie? 

Ich starre also eine geschlagene halbe Stunde auf diese behämmerte Drehtür und beobachte die Figuren, die sich durch diese Drehtür bewegen, sich hindurch schlingen, sich schlängeln. Ich achte auf alles, beginne zu träumen, gebe ihnen Namen und erfinde für jeden von ihnen eine neue Persönlichkeit. Und plötzlich war da eine junge Frau dabei, die gar nicht die war, die sie selber zu sein glaubte. Sie huschte einfach so an mir vorbei und ohne, dass ich es gewollt hatte, war der erste Charakter der BRANDUNGSMÄDCHEN entstanden: Sophie von Pellworm.